SAP BI: „Explore your Business at the Speed of Thought“????

31. Mai 2009 um 11:24 am | Veröffentlicht in BI, SAP BW, Visualisierung | 1 Kommentar
Schlagwörter:

BOx-Oberfläche

Die SAP hat im Mai auf der SAPPHIRE 2009 eine neue, „intuitive Lösung zur Auswertung größerer Datenbestände“ – den SAP BusinessObjects Explorer – BOx – vorgestellt. Diese Produktpräsentation fand sogar den Weg ins Handelsblatt, wo man sich enttäuscht ob des SAP BI-Umsatzes des ersten Quartals 2009 zeigte. Einige Wochen vorher las ich im OLAP Report 2009, dass SAP BW-Installationen in Bezug auf den betriebswirtschaftlichen Nutzen von den Teilnehmern der Umfrage seit 7 Jahren in Folge am schlechtesten bewertet werden* – ähnliches klingt auch im genannten Handelsblattartikel durch. Meine Meinung ist, dass sich dies durch den BOx nicht großartig ändern wird. Warum lesen Sie hier …

Nachdem nun endlich das SAP BW auch offiziell wieder SAP BW heißt, schwingt die SAP die neue Visualisierungskeule für adhoc-Reporting: den SAP BusinessObjects Explorer – kurz BOx. Die SAP kürzt das BI-Werkzeug mit den Kürzeln BOE ab, was eher verwirrt, ist doch dieses Akronym von der BO Serverkomponente „BusinessObjects Enterprise“ belegt, daher bleibe ich bei BOx. Aber Vorsicht: der BOx hat nichts mit dem BEx zu tun. Der SAP BW  Business Explorer, das ExcelAddin des SAP BW, wird nicht weiterentwickelt!

Die Oberfläche des BOx teilt sich in zwei Ebenen, die jeweils die Hälfte des Bildschirms einnehmen: Eine Filter- und eine Visualisierungsebene. Die Filterebene dient der Auswahl von Mermalsausprägungen und Kennzahlen – z.B. Umsatz in Europa im Monat März 2009, welche mittels verschiedenen Diagrammtypen und tabellarisch in der Visualisierungsebene dargestellt werden.

BOx-Oberfläche

BOx-Oberfläche © SAP

Einen besseren Eindruck des  SAP BusinessObjects Explorer (BOx) erhalten Sie in diesem – englischsprachigen – Video.

Die Vorteile des BOx beschreibt die SAP auf Ihrer deutschen website: „Fragen aus bisher unerforschten Unternehmensbereichen werden sofort beantwortet … dazu ist kein Verständ- nis für die Daten mehr notwendig und … der BOx kann in Tagen implementiert werden.“
Soweit die ärgerliche Phrasendreschmaschine der SAP Marketingabteilung. Muss dass sein?

Was zeichnet den SAP BusinessObjects Explorer (BOx) aus, dass nun angeblich auch Mitarbeiter ohne Spezialwissen Unternehmensdaten einfach analysieren können:

  1. Über die integrierte Suchfunktion können relevante Berichte schnell gefunden werden. Einfach die gesuchte Kennzahl oder das auszuwertende Produkt in das Suchfeld eingeben und der BOx weist mögliche interessante Datenquellen postwendend aus.
  2. Durch die sogenannte Business-Warehouse-Accelerator-Technik (BWA – formerly known as BIA) gehören langwierige Abfragen an das SAP BW der Vergangenheit an.
  3. Die neue – auf Adobe FLEX basierende – Oberfläche des BOx ist intuitiv ohne Schulungen durch die Mitarbeiter nutzbar.

Hört sich doch gut an, was macht mich so skeptisch?

Weil hier das Pferd von hinten aufgezäumt wird: eine neue Präsentationsoberfläche reduziert nicht die Komplexität auf der Modellierungsebene des SAP BW. Meine Vorbehalte – allerdings nur aus den Videos zum BOx abgeleitet – im detail:

  • Die Suchfunktion ist sicherlich eine gute Sache. Als Ergebnis werden InfoCubes angezeigt, die die gesuchten Objekte enthalten. Nach Auswahl eines InfoCubes werden die Merkmale und deren Ausprägungen in Boxen nebeneinander dargestellt. Schick, allerdings habe ich in meiner betrieblichen Praxis noch nie einen InfoCube mit weniger als 50 Merkmalen gefunden. Ganz zu schweigen von der Anzahl von Kennzahlen. Welcher Gelegenheitsnutzer findet sich hier spontan zurecht?
  • Weiterhin stellt sich mir die Frage, wann die Berechtigungslogik des SAP BW greift: Werden nur die Objekte zur Auswahl in der Filterebene angezeigt, für die der Nutzer auch berechtigt ist? Schwer vorstellbar, wenn komplexe Reportingberechtigungen umgesetzt worden sind.
  • Anders als „im echten Leben“ sind die Laborbeispiele der SAP sehr einfach und verständlich: Die Namen der Merkmale wie auch Ihre Ausprägungen – z.B. Country: Germany – sind selbsterklärend. BI- Modelle in der Praxis weisen jedoch eine Vielzahl von technischen Merkmalen auf, die über die vordefinierten Auswertungsstrukturen der SAP –  den Business Content – in die InfoCubes aufgenommen worden sind.  Diese technischen Merkmale müssen korrekt eingegrenzt werden, andernfalls kommt es zu falschen Ergebnissen. Man stelle mir bitte den User vor, der ohne profundes Verständnis der im Unternehmen etablierten Kostenstellenrechnung die Merkmale Kennzahltyp, Werttyp für Reporting, Detaillierung des Werttyps oder Sender-/Empfängerkennzeichen aus dem Kostenrechnungs-InfoCube richtig einsetzt.
  • Der Einsatz des Business-Warehouse- Accelerator (BWA) ermöglicht angeblich eine  Datenrecherche „at the Speed of Thought“. Mit Hilfe des BWA wird das SAP BW zur MOLAP-Maschine und die Abfragen damit sehr schnell, weil die der Query zugrundeliegenden Daten nicht mehr auf Festplatte, sondern im RAM-Speicher vorgehalten werden. Übrigens ähnlich wie Palo, das (lizenz-)kostenfrei auf das SAP BW aufgesetzt werden kann, wie es der Süddeutsche Verlag macht. Der Hinweis, dass SAP den BOx „als kombinierte Hard- und Softwarelösung anbieten“ will, zeigt mir deutlich, wohin die Reise geht: ohne zusätzliche Hardwareinvestitionen wird das mit dem BWA eher nichts.
    In diesem Kontext eine weitere Frage: Kann der BOx ohne das SAP Portal genutzt werden?
  • Die dynamischen Visualisierungen auf Basis der Adobe FLEX-Engine sind schon sehr beeindruckend: Sie können verschiedene Diagrammtypen auswählen und die Diagramme per Mausklick mit den Werten anderer Merkmale zu Vergleichszwecken befüllen. Klasse, nur leider haben die Diagramme immer noch den Charme des Diagrammassistenten in Excel und erfüllen nicht die Anforderungen an ein gutes Schaubild, wie ich sie hier beschreibe:
    BOx Beispiel Säulen-Diagramm

    BOx Beispiel Säulen-Diagramm © SAP

    Achsentitel und Einheit fehlen! Stattdessen eine auf zwei Kommastellen genaue Beschriftung der Y-Achse, die unnötg ist und viel Platz verbraucht. Besser wäre es auf diese Achse ganz zu verzichten und die Werte an die Balken zu bringen. Auch der in in grau/weiß geteilte Hintergrund verwirrt mich. Das Kuchendiagramm des BOx benötigt eine zusätzliche Legende, da die Datenbeschriftungen nicht in der Grafik vorgenommen werden.
    Man beachte, dass selbst in dieser Beispielanwendung der SAP die Rubrik „Other“ 33% des Umsatzes ausmacht. Soviel „Sonstiges“?

  • Die einzige Exportmöglichkeit, die in dem Video präsentiert wird, ist ein Export der Daten als .csv-Datei. Diese ist anschließend in Excel erneut zu bearbeiten, um ein präsentationsfähiges Schaubild zu erhalten. Auch einen Druck-„button“ finde ich nicht, und ich kenne kein SAP BW-Projekt, in dem nicht die Möglichkeit des Ausdruck der Oberfläche gefordert wurde. Bleibt nur einen „screenshot“ des BOx-Bildschirms auszudrucken oder in  Powerpoint zu verwenden. 🙂

Ich möchte nicht missverstanden werden, der BOx ist ein Schritt in die richtige Richtung zu einer intuitiveren Benutzeroberfläche für das SAP BW, aber für mich kein Allheilmittel gegen die mangelnde Benutzerakzeptanz des SAP BW. Der Einsatz des BOx direkt auf InfoCubes des Business Content wird meines Erachtens nicht funktionieren, da die zugrundeliegenden (Stern-)Modelle zu kompliziert sind. Hier wird ein Redesign oder eine zusätzliche Abstraktionsschicht – auf Queryebene? – notwendig sein.

Zudem bin ich eher vorsichtig, ob der BOx tatsächlich das Instrument für alle Benutzer- gruppen ist. Entscheider und Zahlenwerker, die täglich mit diesem Instrument umgehen, werden es wohl nach einer gewissen Einarbeitungszeit nicht mehr missen wollen. Gelegenheitsnutzer dagegen, die alle zwei Wochen „ihre“ Zahlen sehen wollen, können sich von den Möglichkeiten des BOx schnell „erschlagen“ fühlen. Hier ist aus meiner Sicht eine auf den Fachbereich zugeschnittene Reportinganwendung, wie ich Sie in einem weiteren Blogbeitrag vorstellen werde,  erfolgversprechender.

Fazit: Auch mit dem BOx gibt es kein „out of the box“-SAP BW-Reporting. Der BI-Umsatz der SAP und die Stundenzahl der den BOx implementierenden Berater wird steigen … „at the speed of thought“: Der BOx wird von der SAP als Premium Produkt betrachtet und ist daher zusätzlich zur SAP NetWeaver Lizenz zu lizenzieren!

Update März 2010: Stephen Few – ein Visualisierungsguru aus den USA und Autor mehrerer guter Bücher zum Thema – hat sich aktuell auch zum Business Objects Explorer geäußert. Seine Meinung – was für eine Abrechnung – zu diesem Werkzeug lesen sie hier.

_____

the best, Lars

_____

* Hier das Originalzitat aus dem OLAP Report 2009:
„SAP BW sites have consistently reported the lowest level of realized business benefits in each of the seven years that we have calculated the Business Benefit Index.

_____

Creative Commons License
Dieser Beitrag bzw. Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Advertisements

1 Kommentar »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

  1. […] einer sechsstelligen Summe einhergegangen. Inakzeptabel! Der BWA ist übrigens auch Bestandteil des SAP BO Explorers, dem “zukunftsweisenden” Frontend der […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.

%d Bloggern gefällt das: