Visualisierung/Excel: Torte oder nicht Torte – das ist hier die Frage

15. Februar 2010 um 4:37 pm | Veröffentlicht in Excel, Visualisierung | 8 Kommentare

Das Tortendiagramm erfreut sich keiner großen Beliebtheit unter den Experten der Visualisierung. Ich stimme den Einwänden gegen diese Art der Informationspräsentation im Kern zu, lehne „die Torte“ aber nicht grundsätzlich ab: es gibt sinnvolle Anwendungsgebiete für sie.
Bevor ich zu diesen in meinem übernächsten Beitrag komme, möchte ich zunächst anhand eines abschreckenden Beispiels aus der Tagespresse die Probleme des Tortendiagramms diskutieren.
Meine visuelle Replik in Form einer Balkengrafik kann als Exceldatei für 2003 hier heruntergeladen werden.

Es ist erstaunlich: Jeder, der sich mit der Visualisierung von Informationen beginnt auseinander zu setzen, wird früher oder später feststellen, dass ein Tortendiagramm wenig geeignet scheint, Daten visuell darzustellen. Prominente Vertreter der Visualisierungsszene lassen kein gutes Haar an ihr. Allen voran Edward Tufte, der „Erfinder“ der sparklines, der schon 1983 in „The Visual Display of Quantitative Information“ schrieb:

A table is nearly always better than a dumb pie chart; … piecharts should never be used.

Dennoch finden wir immer und überall diese Darstellungsform – in Unternehmenspräsenta-tionen, in der Presse und sogar im Demo-Beispiel für das Flaggschiffprodukt der SAP zur Gestaltung von Dashboards – Xcelsius – dominiert die Torte! Gerne auch mit leichtem Glanz- und Schatteneffekt, quietschbunt und/oder in 3D … siehe oben!

„Dekoration statt Information!“ würde Rolf Hichert,der Verfasser des HI SUCCESS-Posters rechts hierzu sagen.

Woher rührt nun der schlechte Ruf der Tortengrafik zur Informationsdarstellung? Dazu ein Beispiel, an dem ich die Kritikpunkte beschreiben möchte. In der Hamburger Morgenpost vom 20.01.2010 war auf Seite 2 diese Grafik zum Haushaltsentwurf 2010 unserer Bundesregierung von AP/DAPD zu finden – oder hier bei der Deutschen Welle:

Wie auch in diesem Beispiel findet die Torte häufig Verwendung, um Anteile an einem Ganzen darzustellen: Welchen Anteil haben die einzelnen Haushaltstitel am Gesamthaushalt? Gut gefällt mir, dass die Namen der Titel, die aktuellen Werte und die Veränderung zum Vorjahr direkt an den entsprechenden Tortenstücken ausgewiesen werden. Eine Zuordnung der farbigen Tortenstücke zu den Haushaltstiteln über eine entsprechende Legende würde diese Grafik völlig unlesbar machen – wie z.B. hier beim Xcelsius Demobeispiel.

Was gefällt mir nicht so gut an diesem Tortendiagramm:

  • 9 Stücke in einem Tortendiagramm sind zuviel,
  • die Farbwahl der Tortenstücke ist bedeutungslos und die Farben wiederholen sich,
  • eine Reihenfolge wird nicht eingehalten: die Position „Sonstige“ (???) ist größer als „Bundesschuld“,
  • die abgesetzte Säulengrafik neben der Torte ermöglicht keinen visuellen Vergleich mit den Tortenwerten.

Letztlich finden sich hier alle Argumente gegen die Torte wieder: Zu viele Tortenstücke in verschiedenen Farben verwässern die Aussagekraft der Anteils-Darstellung, ein Vergleich von Tortenstücken ähnlicher Größe ist kaum möglich und die Abbildung einer Reihenfolge geht in der Kreisdarstellung unter. Man ist fast geneigt Herr Tufte zuzustimmen und sich eine rein tabellarische Darstellung zu wünschen.

Die Ursache für diese Darstellungsprobleme ist einfach und hängt mit der menschlichen Wahrnehmung zusammen: wir haben große Schwierigkeiten, Winkel und Kreisflächen richtig abzuschätzen. Längen und rechtwinklige Formen sind für uns einfacher interpretierbar – so die Empirie.
Aber versuchen Sie es selbst: Stellen die Tortenstücke oder die Balken für die Titel Verteidigung und Verkehr/Bau/Stadt den Größenunterschied besser dar?

Eindeutig, oder? Und dabei ist der Verteidigungsetat um 18% größer – mithin keine Kleinigkeit!

Nutzen wir also ein Balkendiagramm zur Darstellung des Haushaltsentwurfes für 2010. Ich bin der Ansicht, dass diese Visualisierungsform immer zur Darstellung von Strukturzusammen-hängen angewendet werden sollte. Oft wird eingewendet, dass man mit einem Balken-diagramm vielleicht die einzelnen Anteile besser abbilden und vergleichen kann, dabei aber den Bezug zum „Ganzen“ – der Torte – verliere … OK: warum nicht einen Balken für den Gesamthaushalt einfügen? Geschmackssache:

Meines Erachtens stellt dieses Balkendiagramm den Haushaltsentwurf 2010 wesentlich besser dar als die Tortendarstellung oben. Allein die absteigende Sortierung der Haushaltstitel ermöglicht mir eine bessere Verarbeitung der dargestellten Information: Ich war erstaunt, als ich nach der Erstellung des Balkendiagramms feststellte, dass die Titel „Sonstige“ und „Zinsen“ nach „Arbeit und Soziales“ die größten Positionen sind. Das kaschiert das Tortendiagramm recht erfolgreich.

Selbst mit dieser sehr einfachen Balkengrafik kann über die Farben der Balken noch eine „Message“ herüber gebracht werden und auch die Positionen „Investitionen“ und „Neuverschuldung“ lassen sich problemlos in die Darstellung integrieren.

Die dieser Balkengrafik zugrunde liegende Datei für Excel 2003 kann hier herunter geladen werden.

Ich habe mich bewusst für diese einfache Balken-Variante entschieden, um den Unterschied zur Torte hervorzuheben. Natürlich ist auch eine Darstellung vorstellbar, die die absoluten Veränderungen der Titel zum Vorjahr über kleine Abweichungsbalken darstellt, wie ich es hier beschreibe. Oder eine weitere Option ist die Nutzung eines gestapelten Balkendiagramms wie in meinem Tatooine-Dashboard, wodurch die Informationsdichte im Vergleich zum Tortendiagramm erheblich erhöht wird:

Ich hoffe, ich konnte mit diesen Zeilen einen Beitrag leisten, die Anwendung des Tortendiagramms häufiger zu hinterfragen. Dennoch gibt es für mich sinnvolle Anwendungen der „Torte“, die ich in einem kommenden Beitrag beschreiben werde.

Möge der Frühling bald kommen, Lars

__

PS:

Zufällig bin ich auf einen Blogbeitrag aus den USA von Seth Grimes gestoßen: Visualize Balance, Visualize Change. In diesem beschreibt er die Visualisierung des amerikanischen Haushalts für 2011 aus der Washington Post. Da es so schön passt, möchte ich meinen Lesern diese großartige Darstellung nicht vorenthalten. Hier wird die ganze Story – und nicht nur die Ausgabenseite – dargestellt; eine ganz andere Liga, oder?



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8 Kommentare »

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  1. Hi, klasse Artikel – noch ein Hinweis zur Verwendung von Farben in Grafiken (betrifft hier das Balkendiagramm): rot und grün in einer Grafik sind in Bezug auf mögliche Farbblindheit der Nutzer zu vermeiden.

    Beste Grüße, Matilda

    • Hi Matilda,

      Danke für Dein Kompliment zu meinem Artikel. Schön, dass er Dir gefällt – ich kriege recht wenig Rückmeldung und ich finde diesen Artikel selbst auch gut gelungen.

      Mir ist das Problem der Rot-Grün-Blindheit bewusst. Man schätzt, dass etwa 8% der Männer und 1% der Frauen an einer Farbschwäche leiden, unter denen die Rot-Grün-Blindheit die meist Verbreitete ist – dennoch eine Minderheit!

      Ich benutze deshalb weiter die rot-grün-Darstellung, da in unserer Kultur diese beiden Farben als Signalgeber sehr klar verwurzelt sind – unser gesamtes Verkehrssystem basiert auf diesen Farben.
      Ggf. würde ich die Farbe noch mit einem Muster unterlegen, wenn die Adressaten unter einer Rot-Grün-Blindheit leiden. Dazu müsste man allerdings von der Schwäche wissen und wer gibt das schon gerne zu.

      Viele Grüße, Lars

      __
      PS: Irgendwo las ich „Die Krise ist männlich!“ – wohl bezogen auf die Entscheidungsqualität männlicher Manager, die zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskriese führte.
      Nicht, dass die alle mit tollen Dashboards zur Entscheidungsunterstützung versorgt wurden, aber wegen einer rot-grün-Schwäche falsche Schlüsse gezogen haben. 🙂

  2. Hallo cuboo,

    sehr gute Argumentation und Darstellung und es ist so einleuchtend. Die graphische Darstellung des Haushaltes im Blogbeitrag aus den USA ist interessant. Lässt sich so etwas auch automatisieren ?

    Gruß aus K’tenhof

    • Hallo Tomas,

      Danke für Dein positives Feedback. Es dürfte sehr, sehr aufwendig sein diese Art der Darstellung des amerik. Haushalts in Excel nachzubauen, allerdings könnte ich mir eine ähnliche Darstellung ohne Kurven vorstellen – zwei um 90 Grad gedrehte Histogramme mit konstanter Länge der Säulen und ein gestapeltes Säulendiagramm in der Mitte. Trotzdem sehr aufwendig … take care, Lars

  3. […] Objekten für Dashboards und Präsentationen; aber das hatte ich ja schon ausgiebig in meinem letzten Beitrag […]

  4. […] dieser Art der Visua-lisierung von Informationen in den Vordergrund stellen – mithin keine Abrechnung. Die Idee ist so einfach wie genial: Mach die Torte klein und verwende nur ein Tortenstück! Und […]

  5. […] Und auch Tortendiagramme nur mit Bedacht verwenden: nicht für Strukturdarstellugen – wie ich hier erläutere – sondern nur als „small multiples“ wie hier beschrieben. Allerdings […]

  6. […] wieder das Tortendiagramm! Es taugt als Visualisierungselement nur sehr bedingt – wie ich hier und hier zeige – scheint aber der „attention grabber“ schlechthin zu […]


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