Visualisierung: prezi.com – das Ende von PowerPoint & Co?

15. Oktober 2010 um 12:18 pm | Veröffentlicht in Visualisierung | 1 Kommentar

Ich schreibe viel über Visualisierungen in Präsentationen und Dashboards. Wenig Worte bisher über das meist genutzte Präsentationsmedium: PowerPoint. Für viele das Hasswerkzeug Nr.1, die schnellste Möglichkeit um während der Arbeitszeit schnell in wohliges Wachkoma zu fallen oder Bullshit-Bingo zu spielen, für andere ein wunderbares „Chef-Beeindruckungswerkzeug“. Seit Mitte 2009 tritt eine Webanwendung auf den Plan die Vormachtsstellung von PowerPoint abzulösen: Prezi.com …

Doch zunächst einige Worte zu PowerPoint: Herr Tufte der „Erfinder“ der sparklines hält PowerPoint für „evil“ (Teufelszeug) und belegt dies auch anschaulich: PowerPoint ist seines Erachtens Schuld am Absturz des Space Shuttles Columbia am 01. Februar 2003.

Es geht die Mär, dass Tufte einen Teilnehmer eines seiner Seminare – an denen im Schnitt 500 Personen teilnehmen – des Raumes verwies, nachdem dieser andeutete, man könne ja auch gute Präsentationen mit PowerPoint erstellen. Ein Mann mit klaren Vorstellungen!
Ich möchte weniger ein Tool in Sippenhaft nehmen, als vielmehr die „Kultur des Folienstapels“ anprangern bzw. die Nutzung von PowerPoint & Co in Frage stellen.

Denn PowerPoint ist überall. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Angestellter: Fast täglich hagelte es neue PowerPoint-Foliensätze in meinen Postkorb. Egal wer etwas zu sagen – schreiben – hatte, kannte wohl nur noch PowerPoint als Trägermedium:

  • Sitzungsvorbereitungen,
  • Fach- und DV-Konzepte im unverständlichen Stichwort-Stakkato,
  • Schulungsunterlagen, nein eher „Klickvorschriften“ mit Screenshots,
  • Monatsberichte mit Kuchendiagrammen über mehrere  Seiten.

alles wurde in PowerPoint gemacht – natürlich immer im Corporate Design-Layout! Warum musste ich eigentlich immer daran erinnert werden, wo ich angestellt war?

Das Erstaunliche: der größte Teil der Autoren nutzten Ihre Folien gar nicht um diese an die Wand zu werfen, sondern nur als Textspeicher. PowerPoint als Textverarbeitung! Wofür gibt es dann bitte Microsoft Word, den OpenOffice Writer und andere Textprozessoren? Nur noch für Buchautoren? Ich bin es gewohnt von Seiten im Hochformat zu lesen und man kann mir bis zu 1000 Zeichen in extremo pro Seite zumuten. Ich lese gerne vollständige Sätze … so mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Ergänzende Nebensätze helfen mir beim Verständnis. Ich mag es, wenn eine schöne Formulierung an mir vorbeifliegt. Nein, ich will keine Literatur, aber ein bisschen Entgegenkommen der Autoren: Ich soll es doch verstehen.

Kommen wir zur „Kultur des Folienstapels“, denn ich wollte doch Prezi vorstellen.

Was passiert gewöhnlich bei einem PowerPoint-Vortrag? Der Vortragende zeigt seine Folien mit „Bulletpoint-Stummelsätzen“ und liest diese noch einmal ab. Nachdem er seine zwanzig Folien vorgelesen hat, bedankt er sich für die Aufmerksamkeit und verteilt die Kopien seiner Präsentation. Man gewinnt den Eindruck, Präsentationen sind mehr Hilfsmittel für den Vortragenden als unterstützendes Visualisierungswerkzeug für das Verständnis seiner Worte. Ich glaube an die Kraft des Bildes und nutze PowerPoint auch entsprechend: Abbildungen, Diagramme und Prozesse unterstützen meine verbale Aussagen und erleichtern das Verstehen und Behalten. Deshalb male ich auch gerne am Flipchart.

Schwierig bleibt der sequentielle Charakter einer Präsentation mit PowerPoint. Die Folien werden meist Folie für Folie abgearbeitet, man kommt vom Allgemeinen ins Detail und läuft Gefahr den Überblick zu verlieren. Hier setzt Prezi an: Statt auf eine Aneinanderreihung von mit Inhalten befüllten Folien bietet Prezi eine in ihren Ausmaßen unbeschränkte Freifläche, auf der Nutzer Text, Bilder, Videos sowie PDF-Dateien beliebig positionieren können. Der Verlauf der Präsentation wird über Pfade bestimmt, die aber bei der Präsentation verlassen werden können, um z.B. auf Fragen der Zuhörer zu reagieren.
Hier ein Beispielvideo, das natürlich auch mit Prezi gemacht ist:

Die Technologie hinter Prezi ist Flash, die es ermöglicht von kleinen Details heraus zum großen Ganzen und wieder zurück zu zoomen. Nutzer hangeln sich von Thema zu Thema und tauchen tatsächlich bildlich tiefer in die jeweilige Materie ein, ohne dabei den Zusammenhang zu verlieren. Ich denke, dieser nicht-lineare Präsentationsansatz erhöht das Verständnis, kann aber – wenn man es übertreibt – auch schwer nach hinten losgehen. Der „wow“-Effekt ist mit Sicherheit groß …


Über den abgebildeten Webeditor lassen sich sämtliche Objekte anordnen, in ihrer Größe verändern, rotieren und gruppieren. Das erfordert eine gewisse Einarbeitungszeit, die aber vergleichbar zu der Zeit, die man benötigt um richtig gute Präsentation mit Prezi konzeptionell vorzubereiten, vernachlässigbar sein dürfte. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

Auf jeden Fall ist Prezi einen Blick wert!

take care, Lars

PS: Was kostet die Nutzung von prezi.com?

In der kostenlosen „Public-Version“ bietet Prezi 100 MByte Onlinespeicherplatz, versieht die Präsentationen mit dem Prezi-Logo und stellt diese im Netz für jeden sichtbar zur Verfügung. Die Variante „Enjoy“ kommt ohne Prezi-Logo aus, bietet 500 MByte Speicherplatz und erlaubt es zu regeln, wer eine Präsentation sehen darf. Dafür verlangt Prezi 59 US-Dollar pro Jahr. Die Pro-Version enthält einen Desktop-Editor, der auch ohne Verbindung zum Internet genutzt werden kann. Der Nutzer kann so auch festlegen, welche Präsentationen er bei Prezi online hinterlegen will, wofür 2 GByte Speicherplatz zur Verfügung stehen. Die Pro-Version kostet 159 $ im Jahr.

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1 Kommentar »

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  1. Ich kann den „Powerpoint“-Wahn nur bestätigen! Prezi hat grandiose Visualisierungsmöglichkeiten, die mich stark an Scala Multimedia (Amiga), seinerzeit ein tolles Werkzeug auf dem Amiga erinnern. Dann kam der Kraftpunkt und erstickte jegliche Kreativität.
    Mal schauen, ob ich mich mit dem Flashtool anfreunden kann.


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